Kurzgeschichte

  • hallo kann mir jemand

    Thea Dorn     Vorsicht Steinschlag! (2011)

    Der große Sassen, Gebieter über zwei Fernsehsender, eine Rundfunkanstalt und mehrere Verlagshäuser, war ein gewaltiger Mann. An diesem Abend saß er bei angenehm gedämpftem Licht und den verschwimmenden Klängen eines Pianos in dem schweren schwarz-ledernen Sessel einer Hotelbar und schwitzte. Er versuchte, seinen mächtigen Körper aufrecht zu halten, während sich die Schweißtropfen an seinen Schläfen lösten und langsam am Hals hinunter in seinen Kragen rannen. Sein Kopf, der sonst Imperien lenkte, erschien ihm lächerlich weit vom Rumpf entfernt. Wie eine zufällig abgesprengte Felskugel thronte er auf dem Körpermassiv.

    Sassens Gegenüber, eine junge Künstlerin namens Nona, modellierte, während sie sprach, mit ihren schmalen Händen die Luft. »Mein Material lebt, es atmet, es pulsiert, verstehen Sie? Ich versuche nicht, es zu manipulieren. Als Bildhauerin muss ich stets darauf lauschen, wohin mein Material will. Ich zwinge ihm nichts auf, ich bringe es nur dorthin, wohin es von selbst strebt.« Nonas nackte Ellbogen blitzten auf, als sie ihr langes dunkles Haar mit beiden Händen in den Nacken zurückwarf. Ihre glatten Achselhöhlen reflektierten das milde Barlicht. »Wenn ich mit einer Arbeit beginne, hat mein Material noch Angst. Es ist vorsichtig. Es kann nicht wissen, ob ich ihm Gewalt antue. Erst nach und nach öffnet es sich mir.«

    Der große Sassen presste seinen Rücken tiefer in die Lehne des Sessels. Die Rinnsale, die unentwegt aus der Quelle über dem Ohr rieselten, stauten sich zwischen seinen Schulterblättern und färbten dunkle Seen auf den nachtblauen Anzug. Ein feines Frösteln ergriff ihn. Das Stadium, wo er noch Worte mit Sinn verbinden konnte, hatte Sassen hinter sich gelassen. Die Stimme der Bildhauerin plätscherte über ihn hinweg. »Ich spüre die Impulse, die mein Material aussendet. Es wird erst dann ruhig, wenn es seine endgültige Gestalt gefunden hat. Jedes Ding hat eine ideale Form. In diesem Augenblick weiß ich: Mein Werk ist vollendet.« Nona beendete ihre Rede mit einem knappen Lächeln und lehnte sich zurück, die Hände im Schoß gefaltet.

    Sassens weiße, fleischige Finger hatten sich vom Körper losgemacht. Wie ein Quintett Nacktschnecken krochen sie über das lederne Armpolster des Sessels, feucht glänzende Spuren hinter sich lassend. »Nona, Sie sind eine außergewöhnliche Frau.« Sein Atem ging flach. Nona schickte abermals ein kurzes Lächeln in ihr Gesicht. Darunter arbeitete sich das Cocktailkleid Zentimeter für Zentimeter an ihren Schenkeln empor. Für eine Sekunde stießen die Kanten von Rock und Strümpfen aneinander, lag tiefes Schwarz an transparentem Schwarz, dann schimmerte ein schmaler Streifen weißer Haut auf. Sein Herz, sein Herz, ja, der große Sassen fühlte sein Herz. Etwas Unbekanntes schüttelte ihn, ein Grollen machte ihn schauern, brachte den Rotwein, den er soeben an den Mund geführt hatte, in Wallung, ließ ihn über den beengenden Glasrand hinausschwappen. Sassen spürte das Weiße in seinen Augen, ein Balken, ein weißer Balken brannte in seinen Pupillen. Verzerrte Bilder überschlugen sich in seinem Hirn, tanzten an der Innenwand seines Schädels den Tango mortale. Der Findlingskopf drohte aus seiner fragilen Lage herabzustürzen.

    Nona erhob sich, und mit dem weißen Balken erlosch das Beben. » Kellner, einen Salzstreuer, bitte! Der Herr hat sich mit Rotwein befleckt.« In Sassens Gesicht war es still geworden wie auf einer verödeten Leinwand. Einzig hinter den weit geöffneten Augen glomm eine machtlose Glut.

    Es war ein Bild von ergreifender Schönheit, wie sich der große Sassen auf die Ewigkeit einrichtete. Die junge Bildhauerin zögerte einen Moment, bevor sie sich über ihn beugte. Mit geübten Fingern schloss sie die Lider im denkmälernen Antlitz. Die Signatur eines bedeutenden Lebens. Ihre Schritte entfernten sich lautlos über den dunklen Läufer. Und noch desselben Tages empfing eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von Sassens Tode.



    Diskussionsfragen:

    1. Kann man aus dieser Geschichte einen Fernsehkrimi machen, wenn ja, wie? – wenn nein, warum nicht?


    2. Wie könnte die Arbeitshypothese lauten?


    Arbeitsauftrag:

    Analyseschema für diese Kurzgeschichte aufstellen…


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